50 Jahr Vereinsgeschichte

1948 war das Jahr der Währungsreform im Nachkriegsdeutschland. Und auch das Jahr der Gründung unseres Kleingartenvereins Kaltental e.V.

Der wichtigste Aspekt der Gründung war zweifellos, dem überall noch herrschenden Hunger, der Not und dem Mangel an Grundnahrungsmitteln entgegenzuwirken. Es fehlte schließlich an Gemüse, Kartoffeln, Salaten, Obst usw. Nur durch eine intensive Bearbeitung und Nutzung der vorhandenen Bodenflächen konnte einigermaßen Abhilfe geschaffen werden.

Diesem Gedanken hing auch das Ehepaar Kilian nach, das bei einem Spaziergang im Dachswald das mit Bombentrichtern übersäte Gelände entlang der Bahnstrecke Stuttgart-Böblingen entdeckte. Eingezogene Erkundigungen ergaben, dass das Forstamt Eigentümer des gesamten Dachswaldgeländes war. Die uns zur Verfügung stehenden Unterlagen aus der damaligen Zeit sind sehr dürftig. Sicher ist jedoch, daß schon 1947 die ersten Gärten bewirtschaftet wurden. Wir sind deshalb auf Aussagen von Mitgliedern oder deren Angehörigen, die 1948 schon dabeiwaren, angewiesen. So erzählte man unter anderem, daß sich seinerzeit sogar das Staatliche Gesundheitsamt dafür stark gemacht haben soll, Kleingärten anzulegen, statt die beiden zerbombten Waldgelände wieder aufzuforsten.

Heute dürfte es schwer sein, sich vorzustellen, wie dieses Gelände entlang der Bahnlinie damals ausgesehen ha-ben muß. Wieviel Mühe und Schweiß hat es die Mitglieder seinerzeit wohl gekostet, die zerklüfteten Böden urbar zu machen - die Menschen waren ja durch die Kriegsfolgen noch stark geschwächt. Aber nicht nur an Kräften mangelte es unseren damaligen Pionieren, sondern auch an geeigneten Werkzeugen und Transportmitteln. Als solche dienten - soweit überhaupt vorhanden klapprige Fahrräder, alte Kinderwagen und Handkarren.

Aus Erzählungen der ersten Stumpenroder erfuhren wir, daß alles, was irgendwie brauchbar erschien aus den Trümmern zerbombter Häuser von allen Stadtteilen aus nach Kaltental transportiert wurde. Als die Gelände von Unrat und Resten der Fliegerbomben geräumt. die Bombentrichter zugeschüttet und die zerfetzten Baumstümpfe (die übrigens begehrtes Brennmaterial waren) gerodet waren, ging man daran, den ehemaligen Waldboden aufzulockern und umzugraben, um diesen auf einen intensiven Nutzanbau von Kartoffeln, Gemüse und Salaten vorzubereiten.

Um sich nicht zu verzetteln, ließ der damalige Vorsitzende, Willy Kilian, zuerst das Gelände Sonnenwinkel auf die geschilderte Art herrichten. Dort wurde auch gleich eine Wasserzapfstelle installiert. Als man schließlich das Gelände Teufelswiese ebenfalls eingeebnet, den Boden aufbereitet und das ganze in Parzellen aufgeteilt hatte, mußte das benötigte Gießwasser in schweren Eisengießkannen vom Sonnenwinkel durch den Wald geschleppt werden.

Die offizielle Gründung unseres Kleingartenvereins Kaltental eV. fand am 4.Juli 1948 in der Gaststätte Waldhorn in Stuttgart-Kaltental statt.

Zum ersten 1.Vorsitzenden wählte man Willy Kilian. Die Mehrzahl der Mitglieder, nahezu alle waren Arbeiter und Angestellte der Stuttgarter Straßenbahn. Das kam daher, daß der Vereinsgründer Gartenfreund Willy Kilian, ebenfalls Angestellter der Stuttgarter Straßenbahn war. Im Laufe des Sommers wurden dann in beiden Geländen die ersten Wasserleitungen in den Boden gelegt. Das Material dazu stammte teilweise aus den Ruinen zerbombter Häuser. Zu diesem Zeitpunkt waren die Gärten reines Grabeland und nur zum Anbau von Gemüse zugelassen.

Anlegen von Rasenflächen sowie das Setzen von Zierpflanzen und Sträuchern war ebenso untersagt wie das Verlegen von Steinplatten.

Im Lauf des Jahres 1949 wurden hie und da die ersten Hütten zum Unterstellen bei Regen und auch als Geräteschuppen errichtet. Wegen ihres teilweise erbärmlichen Zustandes, hervorgerufen durch überall zusammengesuchtes Baumaterial, das meistens aus zerbornbten Häusern stammte, nannte man diese Gebilde später verächtlich Koreahütten.

Manche davon stürzten schon nach zwei schneereichen Wintern wieder in sich zusammen. In solchen Fällen behalf man sich dann mit alten Wehrmachtzelten, die den ganzen Sommer aufgestellt blieben und in denen man bei plötzlich einsetzenden Regenschauern Schutz suchte. Anfang der 50er Jahre wurde um das Gelände Sonnenwinkel eine Buchenhecke angepflanzt.

In dieser Zeit wuchsen die Mitglieder immer mehr zu einer echten Gemeinschaft zusammen. Die Zeit des Hungerns hatte man überwunden, also begannen die ersten Feste mit den direkten Gartennachbarn. Als die Lebensfreude immer mehr stieg, veranstaltete unser Verein dann die ersten Kinder- und Sommerfeste. Dazu wurden Lampions entlang der Hauptwege aufgehängt und jeder brachte seine Sitzgelegenheit selbst mit. An die Mühen und Strapazen bei der Erschließung beider Gelände dachte kaum noch jemand. Als 1959/1960 ein städtischer Abwasserkanal durch das Gelände Sonnenwinkel gebaut wurde, gab es in einigen Gärten Flurschaden. Diese Pächter erhielten dann eine Entschädigung ausbezahlt. Nach einigen erfolglosen Eingaben durch den damaligen Vorsitzenden Willy Kilian war es dann 1960 soweit, unser Kleingartenverein erhielt einen Vertrag als Dauergartenanlage. Jetzt galt es, beide Gelände in einen gepflegteren Zustand zu versetzen.

Viele Parzellen sahen trostlos aus: schiefe und verfaulte Zaunpfähle, teilweise durchgerosteter Maschendraht und ein mit Löchern durchsetzter Hauptweg. Mit Feuereifer gingen die Mitglieder nun an die Verschönerung der Anlage.

Im Sonnenwinkel wurde als Begrenzung zum Hauptweg eine Ligusterhecke gesetzt. Jeder Gartenfreund zahlte die Hecke auf seiner Parzellenbreite aus eigener Tasche! Auf der Teufelswiese verzichtete man völlig auf die Einzäunung entlang des Hauptweges. Kurze Begrenzungspfosten markierten die Parzellengrenze. Der Rasen des Hauptweges wurde gerichtet und ist heute wie ein Naturteppich.

Nun folgte eine wichtige Etappe in der Geschichte des Vereins: Im Jahre 1962 erfolgte die Eintragung ins Vereinsregister. Wie schwierig wäre es wohl heute, Gelände umzuwidmen, Besitz- und Pachtverhandlungen zu führen, Zustimmungen von Ämtern einzuholen u.v.a.m.? Wir schätzen diese Leistung und danken.

Nun wurden in beiden Geländen nach und nach Lauben errichtet. Eine Laube kostete damals 850 bis 1000 DM. Viele Pächter bekamen dazu ein Darlehen in unterschiedlicher Höhe. In Raten zu 50 - 60 DM wurde es abgestottert. Schon damals gab es genaue Richtlinien bezüglich des Standorts, des Anstrichs und der äußerlichen Abmessungen.

Die alten Koreahütten wurden endlich abgerissen, so dass sich unsere Kleingartenanlage in einem einheitlichen und schöneren Gesamtbild darstellte. Gemeinschaft heißt Begegnung, und so errichtete man Anfang der 70er Jahre sowohl im Sonnenwinkel als auch auf der Teufelswiese je eine Kantine. Darin wurden Erfahrungen ausgetauscht, Mißstände diskutiert, Pläne geschmiedet und nicht zuletzt gefeiert, gelacht, gesungen und Gärtnerlatein gepredigt. Im Gelände Sonnenwinkel asphaltierte man den Hauptweg.

Zum Gelingen zünftiger Sommerfeste trugen alle Mitglieder bei. Die einen halfen beim Aufstellen von Tischen und Bänken, gaben Essen und Getränke aus und die anderen halfen durch reichlichen Verzehr und beste Stimmung.

1973 installierte man unter Anleitung von Gartenfreund Springer auf der Teufelswiese die zweite Wasserleitung. Zum einen waren die alten Wasserrohre total verrottet, zum anderen bekam die Leitung verschiedentlich einen anderen Verlauf. Im Jahr 1976 mußte auch im Sonnenwinkel die Wasserleitung erneuert werden. Nun war auf beiden Geländen die Wasserversorgung wieder in-takt. Doch 1978 sollte auch die alte Wasserzuleitung (Stahlrohrleitung) zum Sonnenwinkel erneuert werden. Realisiert wurde dieses Vorhaben jedoch erst 1996, nachdem viele Änderungen und Hürden genommen waren.

In dieser Zeit änderten sich auch die Anbauvorschriften. Der Status Grabeland wurde aufgehoben. Sofern er seinen Garten unkrautfrei hielt, war es jedem Gartenfreund freigestellt, nach eigenem Geschmack zu bepflanzen. Jetzt durften auch Terrassen und Wege befestigt werden. Die Vorstandschaft schuf eine heute noch verbindliche Gartenordnung, nach der sich jeder Kleingärtner unseres Vereins richtet.

Und heute?

Schon früh wuchs die Erkenntnis. daß Kleingartenanlagen einen wichtigen Faktor im Umweltschutz darstellen. Sie erfüllen in den Großstädten klimaverbessernde Aufgaben, binden Staub, dämpfen Lärm. Sie sind ruhende Pole in einer technisierten und hektischen Gesellschaft.

Längst erfüllt der Kleingarten nicht mehr das Klischee der Gartenzwerg-Idylle - er ist eine sinnvolle Freizeitgestaltung. Die körperliche Betätigung im Freien schafft einen idealen Ausgleich zum leistungsorientieren Berufsleben! Gerade auch beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand kommt dem Garten eine besondere Bedeutung zu.

Gartenfreunde wissen es längst und erfahren es jeden Tag: Die Arbeit im Garten, das Faulenzen und Festefeiern, die Unterhaltung mit dem Gartennachbarn - das ist Balsam für die Seele.